Nachdem es in der letzten Woche unglaublich heiß war (über 30° Grad!!), obwohl der Frühling gerade mal anfängt, gibt es heute die wohlverdiente Abkühlung mit einem fast schon ungewohnten Regen und dicken Wolken am sonst so blauen Himmel.
Mittlerweile bin ich schon über einen Monat in Argentinien und ganze zwei Wochen wohne ich schon in Palermo und auch ganze zwei Wochen arbeite ich in meinem Projekt "Arcángel Gabriel". Die Zeit vergeht schneller als man denkt!
Mein Projekt ist eine Art Jugendzentrum für Kinder von ca. 8 bis 20 Jahre aus sozial schwachen Familien aus dem Viertel Los Polvorines und Umgebung (ca. 90 Minuten mit dem Bus von meinem Wohnort entfernt, in der Agglomeration).
Das Viertel ist ein Ort der großen Kontraste.
Die Straße, in der das Projekt liegt, ist wie die meisten dort nicht geteert, es liegt viel Müll rum, der von Zeit zu Zeit verbrannt wird, und es gibt viele streunende Hunde, die aber alle sehr zahm sind. Die Häuser, die dort stehen sind zwar winzig, jedoch gemauert und relativ gepflegt. Um die Ecke fängt dann die Villa (Elendsviertel) an, aus der die meisten der Kinder des Projektes kommen. Ich war noch nie in der Villa, da das noch zu gefährlich für mich wäre. Ich hoffe aber, dass ich demnächst mal einen Familienbesuch machen kann, um mir die Situation, der Kinder besser zu begreifen. Denn dass sie ärmer sind, als andere Kinder, merkt man erst auf den zweiten Blick, z.B. duschen einige Kinder im Projekt, da sie zu Hause nicht die Möglichkeit dazu haben oder sie bekommen neue Kleider aus Kleiderspenden von "Brot für die Welt". Manchmal bekommen sie auch eine Tüte voll Kekse für ihre Familie.
Das was mich dann aber am meisten in dem Viertel überrascht und schockiert hat, ist die Reichensiedlung, ein s.g. County, der auch im unmittelbarer Nähe des Zentrums liegt. Ein County ist eine Art Gated Community, also ein richtiges Reichen-Ghetto. Mit einem hohen Zaun umgeben, mit Wachleuten und Schranken. Hier drin wohnen die Superreichen mit Pool, dicker Villa und Hausangestellten. Und haben keine Ahnung von dem, was vor ihrer Nase für eine Armut herrscht! Bzw. sie verschließen die Augen und sehen absichtlich weg.
Los Polvorines ist also ein guter Spiegel der argentinischen Gesellschaft. Die einen sehr reich, die andern arm. Eine riesige Kluft besteht in diesem Land, vorallem seit 2001 (argentiniesche Wirtschaftskrise) die Mittelschicht fast ganz verschwunden ist.
So, jetzt zur Beschreibung des Projekts. Das Zentrum "Arcángel Gabriel" besteht aus einem kleinen Häuschen mit einem größeren Hauptraum, in dem fast alle Aktivitäten stattfinden. Hier steht ein großer Tisch mit Bänken, der auch zur Tischtennisplatte umgewandelt werden kann! Dann gibt es noch eine kleine offene Küche, einen Raum mit dem Glasbrennofen, zwei kleine Büros und drei Lagerräume. Einen für Bastelkram, einen für Kekse und einen für Schulbücher und gespendete Kleider. Eigentlich ist das ganze ein Neubau, aber durch Konstrukionsfehler schimmelt es im Bastelraum.
Es gibt auch noch einen kleinen Garten mit einem selbstgebauten Schwimmbecken für den Sommer und einen Steinofen zum Backen.
Eine typische Woche sieht so aus, jeden Tag von 14 bis 17 Uhr: Montags und Donnerstags wird Nachhilfe angeboten, Dienstags backen wir mit den Kindern (z.B. Brot, Pizza, Plätzchen...), Mittwoch ist Basteln und Glasarbeit und am Freitag ist Sporttag. Der Tag wird immer mit der Merienda abgeschlossen, d.h. mit gemeinsamen Keksen essen und Saft trinken.
Die Glaswerkstatt hier ist eine echte Besonderheit. Hier werden aus ausgeschnittenem und dann bemaltem Glas Schalen, Aschenbecher, Windspiele, Schmuck und andere Sachen hergestellt, die dann sogar verkauft werden können. Die Formen entstehen, indem das Glas im Ofen in bestimmte Tonvorlagen schmilzt und dann wieder hart wird.
Am Sporttag wird meistens Tischtennis gespielt, aber auch Gesellschaftsspiele. Wir haben aber auch z.B. vorletzten Freitag den Bolzplatz von Müll und Steinen befreit und demnächst wollen wir das Schwimmbecken fit für den Sommer machen, da es im Moment noch ganz voller Algen und dreckig ist.
Die Arbeit macht viel Spaß, auch wenn ich keine feste Aufgabe habe und mir meinen Platz noch suchen muss. Die Mitarbeiter sind sehr nett und herzlich, aber ich muss um Dinge zu erfahren viel fragen und sehr aufmerksam sein, da mir selten jemand etwas von sich aus erklärt.
Ich bin sehr gespannt, wie sich meine Arbeit noch entwickeln wird...
Liebe Grüße!