So, meine erste Woche auf der andern Hälfte der Welt ist schon vorbei und ich komme endlich mal dazu etwas umfangreicher von mir zu erzählen!
Als erstes: Mir geht es hier gut, und abgesehen von der Kälte, gibt es nichts, über das man sich beschweren könnte! Natürlich ist es immer etwas gewöhnungsbedürftig in einem neuen Land und in einer neuen Kultur, aber ich würde sagen, dass ich mich schon sehr wohlfühle!

Diese erste Woche war schon voller Abenteuer, Erlebnisse und neuen Bekanntschaften. Daran möchte ich euch gerne teilhaben lassen.
Fangen wir einfach mal vorne an…
Am Sonntag, so gegen 18h Ortszeit, begann unser Lufthansa-Flug 510, nach einer unglaublich langen Zeit in der Luft (13 Stunden!), den Landeanflug. Unter uns breitete sich das riesige Stadtgebiet von Buenos Aires, meiner neuen Heimat für ein Jahr, aus. Ein beeindruckendes Lichtermeer, das sich wie ein riesiger Flächenbrand bis an den Horizont streckt. Ein Kunstwerk, wie extra für uns gemacht!
Nach der Einreise, also nachdem wir (Anna von meiner Organisation „Evangelische Freiwilligendieste“ mit „Brot für die Welt“ und zehn weitere Freiwillige aus dem Rheinland, die wir auf dem Flug kennengelernt haben) die Schweinegrippe –Fragebögen ausgefüllt hatten und endlich die Passkontrolle passieren konnten, empfing uns Christoph, unser Koordinator, mit einem breiten Grinsen und wir wurden alle zusammen , samt Gepäck, in einen kleinen Bus gepackt. Dann hieß es auf zum ISEDET, unserer Seminarstätte im Stadtteil Flores.
Das ISEDET ist die theologische Universität von Buenos Aires, in der die Studenten auch wohnen können. Auch wir 40 neue Freiwillige aus ganz Deutschland finden hier einen Unterschlupf für die nächsten drei Wochen, um gründlich auf das, was uns bevorsteht, vorbereitet zu werden.
Am Montag, nach einer Einführung und einem Vortrag über die Geschichte des Cono Sur, wurden Laura (ein sehr liebes Mädel aus Aachen) und ich in meine zukünftige WG nach Palermo, ein sehr schönes Viertel im Herzen der Stadt, von den fast ehemaligen Freiwilligen, die noch ca. eine Woche hier sind, eingeladen. Da es doch etwas gefährlich ist mit dem Bus so spät zu fahren, haben wir hin und zurück das Taxi genommen. War ein sehr netter Abend mit ein paar Gläsern gutem brasilianischen Bier und Erzählungen von den anderen Freiwilligen…
Am nächsten Morgen ging unser Castellanokurs (= Spanischkurs) los. Vier Stunden jeden Tag. Puh! Ein bisschen wie Schule, aber sehr hilfreich, um in die Sprache zu kommen. Danach haben wir einen „Ausflug“ zu einigen Projekten in Florencio Varela, im Süden der Agglomeration, gemacht. Nach fast zwei Stunden Fahrt kamen wir an. Schon von Zug aus, konnte man beobachten, wie die Gegend immer ärmer und heruntergekommener wurde. Vom reichen Zentrum in die bitterarmen Vororte… Florencio Varela dann selber ist wirklich, wie man sich ein Elendsviertel vorstellt. Kleine Hütten oder Baracken, unbefestigte Straßen, unglaublich viele streunende Hunde, viele Pfützen, Müll und alles sehr provisorisch. Ein wirklich harter Kontrast zu der relativ europäischen und modernen Stadt Buenos Aires und das alles nur ein paar Kilometer davon entfernt. Wir erfuhren dann von den Mitarbeiterinnen der Projekte, dass diese Siedlung eigentlich eine illegale, aber geplante, Landbesetzung ist. Vor etwa 10 Jahren haben aufgebrachte und landlose Menschen zusammen beschlossen dieses Land zu besiedeln, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. So etwas zu erfahren, von dem man noch nie gehört hat, war wirklich sehr eindrucksvoll. Was mich aber außerdem noch sehr überrascht hat, war die große Gastfreundschaft, mit der die Leute uns empfangen haben. Für uns wurde Kuchen in rauen Mengen gebacken, Chips gekauft und Kaffee gekocht, obwohl das Geld echt knapp ist. Auch die Lebensfreude der Bewohner war schön, denn trotz der allgegenwärtigen Armut wurde viel gelacht und man hat sich sehr willkommen gefühlt .
Nach diesem ereignisreichen Tag, hatten wir am Mittwoch nach dem Sprachkurs frei und haben zu viert die Innenstadt erkundet. Jedenfalls einen kleinen Teil davon, denn die Entfernungen sind wirklich riesig, nicht so wie bei uns im kleinen Münster…
Dann, am Donnerstag, stand der Besuch der Deutschen Botschaft an. Früh morgens wurden wir wieder alle in den Bus gepackt und es ging auf nach Belgrano, ein etwas edleres Viertel der Stadt. Hier wurden wir mit einer langen Reihe von Vorträgen über die Aufgaben der Botschaft und die Arbeit dort informiert. Hiernach, haben wir uns gemeinsam eine der ältesten Kirchen der Stadt (Esmeralda) angeguckt und hatten dann sogar die Chance etwas shoppen zu gehen. Als Errungenschaft gab es für mich eine Art Fließpulli, den hier viele haben und der wirklich warmhält… Total gut, nützlich und schön.
Freitag gab es dann neben dem obligatorischen Sprachkurs eine Besonderheit: Empanadas backen! Empanadas sind eine wunderbare Sache. Teigtaschen, die mit Fleisch, Käse, Mais oder Zwiebeln gefüllt sind und die man an jeder Straßenecke für ein paar Pesos kaufen kann. Das lustige ist, wenn ich als Vegetarier frage, welche Emapandas denn ohne Fleisch sind, habe ich schon öfter die Antwort bekommen: „ Also, zum Beispiel haben wir da Schi
nken und Käse oder Mais und Zwiebeln. Welch willst du?“ „Hä?“, sage ich dann… Die Argentinier haben da ihre ganz eigene Vorstellung davon, was Fleisch ist und was nicht… Naja, ich kann mir ja jetzt zu Not eigene backen!
Abends waren wir dann das erste Mal richtig feiern. Mit fast 15 Leuten sind wir zu einer „boliche“ gebraust, um die Nacht durchzufeiern. Es gibt hier nämlich noch eine Eigenart. Hier fangen die Parties später an, dauern dafür aber auch viel länger…
Samstag wurde dann endlich mal ausgeschlafen und anschließend eine mehrstündige Bustour durch die ganze Stadt gemacht. Super schön, aber leider sehr, sehr kalt, da wir oben auf dem Busdeck saßen und vom Wind fast weggeblasen worden sind!
Der Sonntag war auch wieder ruhiger, allerdings bin ich mit ein paar Leuten auf eine Feria (eine Art Markt, ungefähr wie bei uns der Weihnachtsmarkt, nur dass dieser jedes Wochenende stattfindet) nach Recoleta gefahren, wo wir uns mit schönen Ohrringen und anderem Schmuck eingedeckt haben. Nächstes Wochenende möchte ich da gerne wieder hin, denn neben den ganzen Ständen, gibt es Musik, Artisten und Schaupiel.
So, da hab ich doch fast schon die ganze Woche aufgeholt und bin bei heute angelangt! Ich hoffe, ihr könnt mir noch folgen…
Heute waren wir dann auf der Behörde, um ein argentinisches Führungszeugnis für unser Visum zu beantragen. Neben dem deutschen Führungszeugnis, das wir uns alle schon zu Hause besorgt haben, verstehe ich die Notwendigkeit davon nicht wirklich… Aber egal, denn wieder haben wir ein Stück mehr vom argentinischen Alltag kennengelernt. Dieser besteht nämlich zum Großteil aus einer besonderen Aktivität: dem Schlange stehen. Ob auf der Behörde, an der Bushaltestelle oder jeden Montag auf der Bank, der Argentinier stellt sich schön brav in eine Reihe und wartet geduldig bis er dran ist. Das kann dann auch schon mal länger dauern…
Als das dann geschafft war, sind wir zur MEDH (eine Menschenrechtsbewegung) gegangen, wo wir in einem sehr interessanten Gespräch viel über die Militärdiktatur und ihre Folgen für die Gesellschaft erfahren haben. Es ist wirklich krass, dass man in Deutschland so wenig über diese Verbrechen weiß, dass man keine Ahnung hat, dass hier Menschen einfach verschleppt und getötet wurden. Ein Kapitel der argentinischen Geschichte, dass noch längst nicht vollständig aufgearbeitet ist.
So, ich hoffe, ihr konntet einen ersten Einblick in meine erste Woche Einführungsseminar gewinnen. Wenn ihr Fragen habt, schreibt mir doch einfach (pia_g@hotmail.de). Ich freue mich über jede E-Mail und alle Neuigkeiten aus der Heimat!
Besos, Pia